Der Weg zurück ins Training – Im Interview mit Vivienne Dübbert

Wir alle kennen es, die Neujahrs-Euphorie ist vorbei und die ersten guten Vorsätze sind schnell wieder über Bord geworfen. Im Interview mit der Mindset-Expertin Vivienne Dübbert schauen wir uns unseren „inneren Schweinehund“ mal genauer an.

Liebe Vivienne, Du hast eine außergewöhnliche Vita - sehr spannend! Erzählst Du uns davon?
“Wo ist nur meine strahlende Tochter hin?” So fing vor sieben Jahren meine Reise an, als meine Mutter mir genau diese Frage stellte. Ich hatte meinen damaligen Karriere-Höhepunkt erreicht. Als Vertriebsdirektorin in einem Weltkonzern kamen damit allerdings auch 70-80-Stunden-Wochen und ich hatte keinerlei Balance zwischen Privat- und Berufsleben.

Um es auf den Punkt zu bringen: ich hatte gar kein Privatleben mehr!

So kam es, dass ich die Notbremse gezogen habe, aus meinem Hamsterrad ausstieg und in eine komplett neue Welt eingetaucht bin. Ich wurde auf Bali Yogalehrerin, eröffnete in Ubud einen Ayurveda Spa, reiste nach Indien und bekam dort Einzelunterricht in Ayurveda und Kalaripayattu (indische Kampfkunst). Zurück in Deutschland befasste ich mich intensiv mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung und entdeckte meine Leidenschaft zur Neurowissenschaft. Ich lernte, wie wir mit mentalen Strategien unser Gehirn, unsere Gedanken und Emotionen besser managen können.

 
Vivienne Dübbert
Seitdem bin ich als Keynote Speakerin und Mindset Coach mit den Themen Growth Mindset, Resilienz und emotionale Intelligenz, u.a. für Großkonzerne, auf deutsch, englisch und französisch unterwegs. Mein Ziel ist es, Menschen zu inspirieren und sie dabei zu unterstützen, in Zeiten der Veränderung stressresistenter, veränderungsbereiter und emotional agiler zu sein!


Unser Thema ist der innere Schweinhund – Hast Du mit diesem Phänomen auch zu kämpfen?
Natürlich! In der Selbstständigkeit sind neben einem agilen Mindset gerade Disziplin und Durchhaltevermögen die Voraussetzungen, um langfristig erfolgreich zu sein. Auch schon vor der Pandemie habe ich Homeoffice gemacht, daher muss ich mir meinen Tag sehr gut strukturieren. Und klar spricht dann auch mein innerer Schweinehund zu mir, der mir gerne mal sagt, wie bequem doch das Bett ist oder dass ich doch heute morgen „zu müde“ bin, um mein Workout zu machen. Ich kann und möchte es mir aber nicht leisten, zu oft auf ihn zu hören!

Kannst Du uns erklären, was genau eigentlich der innere Schweinehund ist? 
Letztendlich ist der innere Schweinehund ein Konstrukt aus unseren Glaubenssätzen und tief verankerten Emotionen. Er dient uns gewissermaßen als Schutzmechanismus. Das Gehirn ist faul und möchte uns vor Anstrengungen und Risiken schützen. Wenn wir dazu noch Überzeugungen pflegen, wie zum Beispiel „Sport ist zu anstrengend!“ oder „Das üppige Essen und den Wein (spät abends) nach meinem langen Tag habe ich mir aber verdient!“ oder, der aus meiner Sicht gefährlichste Satz, „Das macht jetzt auch keinen Unterschied mehr!“, dann geben wir unserem inneren Schweinehund die Macht und entwickeln dadurch ein Muster, das nur schwer zu brechen ist.

Ok, verstanden! Aber warum fällt es uns so schwer unsere  Komfortzone zu verlassen?
Wie die Bezeichnung Komfortzone schon sagt, fühlen wir uns in ihr sehr wohl und geborgen. Sie ist bekanntes Terrain. Unsere Gewohnheiten werden als Muster in unserem Gehirn verankert. Diese Muster sind sogenannte „neuronale Autobahnen“, die über unsere Gedanken bzw. Glaubenssätze gefestigt werden. Wenn wir unsere Komfortzone verlassen, müssen wir also diese neuronalen Autobahnen durchbrechen und oft unseren natürlichen Instinkt überwinden. Und das wiederum erfordert Mut. 

Hast Du Tipps für uns, um unseren „inneren Schweinehund“ trotzdem zu überwinden?
Ja, klar! Ich bin ein Fan von praxisnahen mentalen Strategien. Eine Strategie, die sehr effizient ist, um den inneren Schweinehund zu bändigen, ist die “5-Sekunden-Regel” von Mel Robbins. Hierbei geht es darum, schnell zu reagieren und den verlockenden Argumenten unseres Schweinehundes keinen Raum zu geben. Ein Zitat, das Viktor E. Frankl zugeschrieben wurde, lautet: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Der Raum zwischen Reiz und Reaktion ist oft sehr klein. Teilweise geht es um Sekunden. Wir alle kennen Situationen, in denen wir uns fragen „Sag ich jetzt etwas oder nicht?“, „Rege ich mich auf? Rege ich mich nicht auf?“. Wenn wir in solchen Momenten von fünf auf eins runterzählen, geben wir uns ein Zeichen des Antriebs und können genau diesen Raum nutzen! Also, wenn Dir das nächste Mal Dein innerer Schweinehund morgens im Bett sagt, Du sollst die Schlummertaste drücken, sag Dir: „5,4,3,2,1, GO!!“ und stehe unmittelbar bei 1 auf. Indem wir runterzählen, steigern wir unbewusst unsere Erwartungshaltung und können uns motivieren, Gas zu geben. 

Ein weiterer Tipp hat mit unserer „Zugmotivation“ zu tun. Wenn ich z.B. meine „Corona-Kilos“ reduzieren möchte, hilft es, dass ich ein positives Selbstbild von mir habe. Ganz wichtig hierbei sind drei Dinge: 

  1. Unsere Vorstellungskraft: Ich stelle mir vor, wie ich aussehe, wie ich mich fühle und wie ich mich freue, wenn ich abgenommen habe.
  1. Unsere Selbstgespräche unsere Sprache verbunden mit unserer Selbst-Empathie: Es macht einen Unterschied, ob ich mir sage, ich muss fünf Kilo abnehmen, oder ich möchte fünf Kilo abnehmen. Und das in einem realistischen Zeitrahmen, ohne Diäten, sondern mit gesunder Ernährung und Bewegung. Dabei gut und empathisch zu sich selbst zu sein und zu verstehen, dass wir uns aktuell in einer sehr großen, belastenden Ausnahmesituation befinden, ist ausschlaggebend. Denn es geht nicht darum, perfekt zu sein!  
  1. Unser Growth Mindset: Mein Lieblingsthema! Ein „growth“ oder auch agiles Mindset ist die Art und Weise, wie wir mit Herausforderungen, Veränderungen und Rückschlägen umgehen. Es geht also nicht darum, alles perfekt umzusetzen, was wir uns vornehmen, sondern darum, zu verstehen, dass wir an jeder Situation wachsen können und dass auch Rückschläge zum Leben dazu gehören. Wenn ich das verstehe, dann fühle ich mich auch in herausfordernden Situationen motiviert, mein Bestes zu geben. Selbst wenn es mal heißt, dass ich noch einmal von vorne beginnen muss.

Super, vielen Dank, das hört sich einleuchtend an. Gibt es auch überflüssige Motivationstipps?
Wir wissen, dass ein krampfhaftes „Ich muss positiv denken! Ich muss positiv sein!“ oft das Gegenteil bewirkt. Damit setzen wir uns sehr unter Druck und wenn wir unser Ziel nicht erreichen, ist die Enttäuschung über uns selbst am Ende groß. Also, weg von „ich muss“ hin zu „Ich mache das Beste draus, egal was kommt!“

Zum Abschluss eine letzte Frage - Wie können wir unser Durchhaltevermögen grundsätzlich steigern?
Unser Mindset definiert unser Durchhaltevermögen und unsere psychische Widerstandsfähigkeit. Je mehr wir verstehen, dass wir an schwierigen Situationen wachsen und dadurch Neues über uns lernen können, desto mehr stärken wir unser Durchhaltevermögen. Zudem hilft es, wenn wir kleine Erfolge feiern. Hierbei greift die alte „Bergsteigerregel“: Konzentriere Dich auf Deine einzelnen Schritte. Denn wenn Du immer nach oben schaust und siehst, wie weit das Ziel noch weg ist, verlierst Du schnell Deine Motivation und Kraft. Also gehe Deinen Tag Schritt für Schritt an, feiere auch kleine Erfolge und finde kleine „magic moments“ in Deinem Alltag. Selbst wenn es „nur“ ein tolles Lied, ein leckerer Kaffee oder eine nette Nachricht an eine/n Freund/in ist. Indem wir diese Momente sammeln, legen wir den Fokus auf die positiven Aspekte unseres Lebens – das steigert unser Durchhaltevermögen, besonders in schwierigen Zeiten!

Vielen Dank Vivienne für diese spannenden Einblicke und Tipps!

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